Herbstlicht
In erster Lilie vergiß nicht
bald fällt die Sonne hinter die Häuser beim Einzug
der kürzeren Tage – sie fassen die Nacht am Schlafittchen
tagträumend noch, schlafwandelnd schon
wohin du dann schaust: herbstlicht leuchtet
im Purpurkleid ruft dich das carpe diem
der Astern
Dritter Stock Hinterhaus
ich erinnere mich deiner Einsilbigkeiten und mancher
meiner Erwiderungen – nein, keine Angst
keine Zitate
wir glaubten an das Schwungrad der Tage, weißt du noch,
jung waren wir und leichtfüßig, mühelos
der Aufstieg
dritter Stock Hinterhaus Nordseite, das Treppenhaus
nicht gerade feierlich, Anstrich ocker und
dunkelbraun
senatsgeförderte Renovierung mit Mietpreisbindung
gab’s damals noch,
zwei Zimmer, Küche, Außenklo
viel brauchten wir nicht
denn die Jahre trugen uns im Maul
wie die Hündin ihren Welpen, versinkend in samtenen
Hautfalten, und wenn wir uns liebten, überließen
wir uns, arglos bisweilen, ihren
zärtlichen Zähnen
Äquinoktium
vor Mitternacht, ein Zwischenreich, bewohnt von Geistern
Scheingefechten, abgerissnen Melodien,
Doppelkopfgelächter, Kopfsteinpflasterweisen –
alles tönt und treibt vorüber
wenn endlich ausgetrunken Weltgeschrei und Wein
näht sie für mich, die Zeit, mit ihrer ewig neuen Nadel
zusammen Tag und Nacht in Gleich und Gleich
und ruft den Märzenbecher
es mundet schon dem Ohr die Stille,
schwankend steht das Ich auf unsichtbarer Naht,
zählt nicht die Scherben, nicht die Schritte
und geht zur Ruh, bevor der frühe Vogel tagt
Kindheit. Miniaturen
Nachbargespräche
am Gartenzaun und andere
Mitmenschlichkeiten.
Anfälle von Sprechmuskelschwund und
beharrlich verstocktem Schweigen.
Kinderleichtes, hinübergehoben, im Schwung
des Pfützenspringens,
und schwergefallen mitunter
das Sprich, aber
draußen im Hof, seit Stunden schon:
Kastanienblütenwehen und nachgetragenes
Versegleiten.
Das weiße Schiffchen
Nimm Anlaut und setze zu Wasser
das gefaltete Wort
aus weißem Papier:
wie es leichthin doch treibt
auf dem großen Meer des Ungesagten
auf dem großen Meer des Unsagbaren
versenke dich in sein unergründliches
Tanzen – es schläft der Steuermann
hier hat er nichts zu tun –
und lächelnd entlaß es
in Welle und Wind
durch deinen Lidschlag.
Sprung ins Jetzt
Das Gewand der Unschuld eintauschen
gegen das Flickenkleid der Erfahrung,
in Zehnerschritten schon die Jahre zählen,
Lebenspläne ablegen, Traumlasten
an den Wegrand stellen und erleichtert
weitergehen… Und doch beim Springkraut
innehalten, wie einst, wenn reif gerundet sich
die zarten Kapseln blähen. Es zuckt zu blitz-
geborener Enthüllung, die Spindellocke zurrt
zwischen den Fingerkuppen, aufgerollt:
Schon ist er fort und weit hinausgesprungen,
ein Kind des Augenblicks, der nackte Same.